Die Anfänge von 1923 – 1929
Intensive Vorarbeit im Jungborn
Die Existenz des Stammes wäre nicht möglich gewesen ohne die grundlegende Arbeit im katholischen Jugendbund „Jungborn“ (später Quickborn) 1923 und 1924 fanden sich in Wilhelmshaven junge Menschen aus dem Lehrlingsverein – später Jünglings- bzw. Jungmännerverein unter der Führung von Lehrer Pundsack und dem geistlichen Beirat, dem damaligen Vikar Janzen zu einer Jungborngruppe zusammen.
Dia Jugendarbeit in dieser Gruppe wirkte in der damaligen Zeit fast revolutionär in den Gemeinden. In einer Zeit des Auslebens und Genießens lebten die Jungborner zuchtvoll und abstinent von Alkohol und Nikotin. In einer Zeit der Asphalt-Kultur, d. h. der Naturferne, zogen sie auf Fahrt, sangen Volkslieder, spielten Klampfe, kleideten sich einfach und bemühten sich, Gutes zu tun. In einer Zeit der religiösen Lauheit gingen sie, von vielen Gemeindemitgliedern nicht verstanden, sonntags zum Tisch des Herrn und bevölkerten wieder die leeren Kommunionbänke. Sie drängten auf das Miterleben des heiligen Messopfers und feierten vor Tau und Tag werktags bei den Schwestern U. L. F. in der Grenzstraße – sozusagen im stillen Kämmerlein Gemeinschaftsmesse.
Erst Jahre später konnte die Gemeinschaftsmesse auch in der Kirche gefeiert werden. Die Gemeinde musste erst an das Mitbeten der hl. Messe wieder herangeführt werden, denn damals wurde ohne Rücksicht auf die Messgebete in der hl. Messe der Rosenkranz oder andere Andachten gebetet.
Worte zünden – Beispiele reißen mit
Diese radikale Wendung zum Wesentlichen verlangte auch entsprechende Führer und Vorbilder. Lehrer Pundsack und Vikar Janzen waren die Männer, die diese Forderung erfüllten.
Lehrer Pundsack hat in jahrelanger Kleinarbeit an den Jungen das Bild des jugendbewegten Menschen aufgezeigt und sie dahin geführt, daß sie bereit waren, sich gegen eine Umwelt zu behaupten, die auf Genuss, Fassade und Spießertum ausgerichtet war.
Vikar Janzen hat durch persönliche Seelsorge die Jungen zu katholischen Persönlichkeiten herangebildet. Jeden Monat, wenn es notwendig war, jede Woche oder jeden Tag hatte er um 18.30 Uhr Zeit für eine persönliche Aussprache. Was hier im stillen Kämmerlein an Erziehungs- und Bildungsarbeit geleistet wurde, weiß nur der zu Schätzen, der es mitgemacht hat.
Die Saat geht auf
In die ersten 12 Jungen der Jungborngruppe wurde von Lehrer Pundsack und Vikar Janzen eine Saat gesät, die bald anfing, reiche frucht zu tragen. Die Jungen von 1923 drängten, vom apostolischen Geist getrieben, in den Jahren 1925/26 selbst zur Führung von Jugendgruppen. Johannes Koschel, Rudi Smerdka und Gustav Melchers hatten bald je 6 – 8 Jungen in ihren Kükengruppen (Kinderwohl). Der erste Anlauf war nicht von Dauer. Ein richtiges Heim für die Jugendarbeit fehlte noch, Die Gruppen tagten in einer zurechtgemachten Rumpelkammer unter einer Treppe in Kolpinghaus an der Grenzstraße. Die Führer drängten auf ein eigenes Heim.
Ein richtiges Heim für die Jugend
1926/27 war es dann so weit. Der weitsichtige Pfarrer Pölking gestattete den Umbau der Küsterwohnung in der Ansgaristraße zu einem Jugendheim. In vielen Abendstunden wurde nun das Heim von den Jungen in Ordnung gebracht. Derartige Jugendheime gab es zu jener Zeit nur ganz wenige. Die Zeit war noch nicht reif dafür. Durch das Jugendheim war nun der notwendige Rann für umfangreichere Jugendarbeit geschaffen.
Neuer Beginn – Pfadfinder und Sturmschar
Im Sommer 1928 traten 8 Jungen von der Volksschule Zedeliusstraße, an der Lehrer Pundsack wirkte, an Norbert Brüchle heran und baten ihn, eine Jungengruppe zu gründen. Die ersten Fahrten in die Umgebung unserer Stadt wurden gemacht. Proviant wurde in Ermangelung von Brotbeutel, Rucksack usw. im Pappkarton, Tee veredelt durch Teepilz, in Bierflaschen mitgenommen.
Vom Bundeslager des Jungborn im Schondratal zurückgekehrt gründete Norbert mit Vikar Ludlage im Sommer 1929 die ,,Pfadfinder im Jungborn“ Stamm Wilhelmshaven-Rüstringen. Die Jungen der Gruppe wurden nun echte Pfadfinder.
Der weite Weg von Heppens, Neuengroden und vom Villenviertel konnte sie all die Jahre nicht abhalten, Woche für Woche treu zum Sippenabend nach der Ansgaristraße zu kommen. Fast alle kamen zu Fuß, denn welcher Junge besaß damals schon ein Fahrrad.Kurze Zeit später bildete sich unter der Führung von Fritz Saturna aus den Jungen der Schule Ansgaristraße eine Sturmschargruppe des Jungmänner-Verbandes. Beide Gruppen arbeiteten mit neuen Mitteln – Gesetz, Versprechen, Kluft und straffe Organisation waren einige Kennzeichen, die sie von der alten Jugendbewegung unterschieden. Der Geist aber blieb. So blieb es nicht aus, daß in den Gruppen gute Arbeit geleistet wurde.
Die erste Großfahrt
1930 wurde die erste große Fahrt gemacht. Sie war eine Fußwanderung von Wilhelmshaven über Nordenham, Huntebrück, Hude, Wildeshausen, Vechta, nach Damme und zurück über Dinklage, Friesoythe, Zwischenahn nach Wilhelmshaven. Geschlafen wurde im Zelt. Nur in Damme fand eine gründliche Überholung in der Jugendherberge statt. Dafür gab es an diesem Tage kein Mittagessen, weil dafür kein Geld mehr übrig wahr. 8,- RM pro Kopf mussten für 14 Tage reichen.
Damals waren Autos eine Seltenheit, und so konnte man ungestört auf der Landstraße wandern. Auf allgemeinen Wunsch sollte von Damme aus eine Nachtwanderung gemacht werden. Nach der zweiten Rast gegen 12 Uhr fand sie bereits ein unrühmliches Ende. denn alle waren inzwischen eingeschlafen und nicht mehr wachzubekommen. Norbert baute ein Schutzdach auf und schleppte einen nach dem anderen wie einen schweren Kartoffelsack darunter. Selbst der Junge, der jede Nacht im Zelt vor Heimweh weinte, schlief in dieser Nacht ruhig und fest.
Diese Fahrt war für die Jungen ein großes Erlebnis, denn welcher Junge kam damals schon so weit in der Welt herum.
Die Jugend zieht die Familien mit
Auch in vielen Familien zog ein neuer Geist ein. Die Eltern wurden durch die Jugend einfach mitgezogen durch Feierstunden, Elternabende und Bastelarbeiten z. B. an den Weihnachtskrippen. Was heute für viele selbstverständlich ist, nämlich eine Krippe zu besitzen, war zu jener Zeit eine Seltenheit. Weihnachten wurde „bürgerlich“ zu Hause gefeiert ohne Krippe, ohne Weihnachtsevangelium, Mitternachtsmesse und Kommunion.
Die Jungborner bastelten seit 1925 jedes Jahr zu Weihnachten Krippen, Adventsterne usw. und machten anschließend eine Ausstellung. Die Bastelarbeiten wurden verkauft oder verschenkt, So wurde zuerst ein kleiner Kreis auf das eigentliche Weihnachtsgeschehen hingeführt. Das wurde nun anders. Die vielen Jungen bastelten unter der Anleitung ihrer Führer ebenfalls Krippen. Ausstellungen und Schenkungen sorgten dafür, das jedes Jahr eine große Anzahl dieser Krippen in die Gemeinden kamen, und bald stand bei Hunderten von Familien eine Krippe unter dem Weihnachtsbaum. Wer will daran zweifeln, daß mit ihr auch allmählich der rechte Weihnachtsgeist in die Familien einzog?
Frohsinn und Opferbereitschaft öffnen junge Herzen
Vikar Ludlage unterstützte und förderte eifrig die Gruppenarbeit. Sein Frohsinn öffnete viele junge Herzen und trug dazu bei, daß immer mehr junge Menschen in die Gruppen kamen. Er brachte auch viele Opfer geldlicher und rein menschlicher Art. Z. B. im Heim Ansgaristraße (jetzige Notkirche) befand sich ebenfalls seine Wohnung. Er ertrug als stiller Dulder tosendes Indianergeheul, wilde Kosakengesänge mit stampfender Begleitung ebenso wie das Sägen, Hämmern und den Motorenlärm aus dem Werkraum.
Während seiner Zeit entfaltete sich die Jugendarbeit mächtig. Die DJK – Abteilung Wilhelmshaven-Rüstringen wurde gegründet. Obwohl Pfadfinder und Sturmschar beide dem Jungmänner – Verband angehörten, lebten sie in einem echten Wettbewerb miteinander. Das schloss nicht aus, daß sie auch gut zusammenarbeiten konnten, z. B. in der DJK. Pfadfinder und Sturmschar gehörten mit zu ihren Gründern und stellten die aktivsten Kräfte. Unter anderem war die Pfadfindersippe Tiger geschlossen in einer Fußballmannschaft.
Die „Pfadfinder im Jungborn“ werden Georgspfadfinder
Für die Pfadfinder taucht 1930 eine schwerwiegende Frage auf. In den Zeitschriften des Jungmänner – Verbandes erschienen immer wieder Bilder und Berichte von Georgspfadfindern. Sie wurden von den Pfadfindern natürlich eifrig gelesen und diskutiert. Von den Pfadfindern im Jungborn wurde dagegen in der Jungbornzeitschrift kaum mehr etwas geschrieben, und von Frankfurt, dem Sitz der „Pfadfinder im Jungborn“ kam gar nichts mehr. Nach kurzer Blüte war dort alles eingegangen.
Die Jungen von der Wasserkante aber wollten Pfadfinder bleiben, und so wurde mit der DPSG – Reichsführung in Wuppertal Verbindung aufgenommen. Im Februar 1931 wurde dann der Stamm Wilhelmshaven – Rüstringen in die Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg aufgenommen. Norbert machte seine I. Grades-Prüfung und 1932 seine Feldmeister-Prüfung.

