Die Reihen der Wilhelmshavener Jungmänner lichteten sich. Viele wurden eingezogen. Neue Jungmänner kamen nach Wilhelmshaven als Dienstverpflichtete, Soldaten, Seeleute.
Liturgiekreis, Singekreis, Hausmusikabende und Jungmannschaftsabende fanden trotz aller Schwierigkeiten durch Verdunkelung, Fliegeralarm und Fliegerangriffe immer noch regelmäßig statt. Auch KdF. – Fahrten und die beliebten Fahrten zu Dritt und auch zu Zweit konnten weiterhin unternommen werden.
Allerdings stand die Arbeit im Liturgiekreis jetzt immer mehr im Vordergrund. Vikar Wienken verstand es, mit viel Geschick und Eifer die jungen Menschen von nah und fern für das Religiöse aufzuschließen. Die Liturgie-Abende waren meist von 30 – 40 – 50 jungen Menschen besucht. Mit Hilfe seiner graphischen Darstellungen und durch seine gründlichen Erklärungen gelang es ihm, uns tiefer an die Geheimnisse des Glaubens und an die lebendige Gestaltung des Kirchenjahres heranzubringen. Er hat damit eine gute Saat gesät, denn aus diesem Kreis sind viele gute katholische Familien hervor gegangen, in denen die damalige Arbeit heute Frucht trägt und weiter ausstrahlt. Manches gewagte Wort wurde dort über die NS-Machthaber gesprochen. Nie ist ein Wort darüber nach draußen gedrungen. Alle hielten dicht. Das gewagteste Wort, das Vikar Wienken vor diesem Kreis aussprach, war wohl, daß Adolf Hitler der leibhaftige Satan in menschlicher Gestalt sei. Nach diesem Satz herrschte minutenlang banges Schweigen. Die Gesichter wurden blass und rot. Wenn jetzt einer plauderte, dann würde wohl mancher ins KZ. wandern. Aber alle Soldaten, Dienstverpflichtete, Jungmänner und Mädchen schwiegen und behielten diese Worte in Ihrem Herzen. Vikar Wienken wurde in dieser schweren Zeit ein wahrer Seelsorger. Jeder konnte mit seinen Sorgen, Nöten und Schwierigkeiten zu ihm kommen. Oft musste er Trost spenden, wenn Einer aus unseren Reihen gefallen war oder vermisst wurde. Immer hatte er Zeit für jeden Einzelnen, manchmal bis in die tiefe Nacht hinein.
1942
Nur wenige Wilhelmshavener Jungen waren jetzt noch zu Hause. Durch den Krieg waren sie über ganz Europa verteilt. Viele Feldpostbriefe gingen hin und her. Um die Gemeinschaft weiterhin zu pflegen, wurden von Vikar Wienken viele, viele Feldpostbriefe geschrieben und an alle
Getreuen draußen an den Fronten geschickt. So wusste jeder, was zu Hause im Liturgiekreis und Singekreis geschah. Als besonders verbindend und tröstend wurde jeden Abend um 21.00 Uhr von allen Mitgliedern in ganz Europa das Magnifikat gebetet. So fühlte sich jeder jeden Abend mit allen verbunden.
1943
Vikar Leusder wurde nach Wilhelmshaven versetzt. Er war von dem Gauleiter Westfalen des Landes verwiesen worden und führte die Arbeit weiter so gut es ging trotz Bombenangriffe und Evakuierungen.
15. Oktober 1944
Bei einem schweren Bombenangriff auf Wilhelmshaven sanken die St. Marienkirche und das Jugendheim in Schutt und Asche.
Neuer Anfang
Als Norbert Ende 1945 aus der Gefangenschaft zurückkam, zog er Bilanz. Das Resultat war:
13 Pfadfinder waren gefallen,
2 Pfadfinder waren inzwischen gestorben,
5 Pfadfinder hatten Wilhelmshaven verlassen, um anderswo ihr Brot zu verdienen.
Paul Sandera hatte sich im Kriege ein Nierenleiden zugezogen und war nicht mehr einsatzfähig.
1946 stellte sich Norbert Vikar Leusder für die Jugendarbeit wieder zur Verfügung. Die ersten Heimkehrer aus der Gefangenschaft trafen ein. Aus den jugendlichen Sturmschärlern und Pfadfindern waren inzwischen harte Jungmänner geworden. Die Jungmannschaftsarbeit lief an. Eine Baracke im Garten des St.-Willehad-Hospitals war der Treffpunkt. Hier gab es einen schönen warmen Raum und dann und wann ein gutes Essen. Jupp Sebus sei ewig dafür gedankt.
Für die Jungmannschaft zeigte sich ein großes Aufgabengebiet. Sie stellte sich zur Verfügung, als es hieß, Steine zu klopfen für das Marienheim (die jetzige Cäcilienschule), damit die Bombenschäden ausgebessert werden konnten und eine neue Stätte für die Jugendarbeit geschaffen wurde. Das alte Jugendheim wurde als Notkirche aufgebaut. Auch hier haben die Jungmänner fleißig Hand angelegt.
Vor den Toren der Stadt in Roffhausen war ein Flüchtlingslager eingerichtet worden. Dort fehlte es am Notwendigsten. So wurden vor Weihnachten Gebrauchsgegenstände und Krippen gebastelt. Dann zog die Jugend mit dem Pfarrer Grafenhorst, unserem jetzigen Official, und Vikar Leusder, die immer wieder auf dem Lande Lebensmittel usw. besorgten, hinaus nach Roffhausen. Dort wurde mit den Flüchtlingen gesungen, Theaterstücke vorgetragen und die mitgebrachten Gaben verteilt.
Neben der Jungmannschaftsarbeit wurde auch die Arbeit im Singekreis wieder lebendig, Jungenschafts – und Jungschargruppen wurden gegründet. Im August 1946 bestanden bereits 4 Jungengruppen mit je 12 Jungen unter 18 Jahren und eine Jungmannschaftsgruppe mit 15 Jungmännern über 18 Jahren. 3 Männer über 25 Jahre waren in der Jugendführung tätig.
Um den Anschluss an die Arbeit im Singekreis zu bekommen, fuhr Norbert im September 1946 nach Altenberg zu einem Kurs „Neue Geselligkeit“, der von Günter Bernert und Hans Kulla geleitet wurde. Auf der Rückfahrt besuchte er seinen alten Landesfeldmeister Hans Fischer in Moers am Rhein und besprach mit ihm die Arbeit in der Pfadfinderei. Hans fragte ihn u. a.: „Wie denkst du dir die zukünftige Pfadfinderarbeit in Deutschland?“ Norbert antwortete spontan: „Sie muss nach den internationalen Pfadfinderregeln ausgerichtet werden. Schluss mit der deutschen Eigenbrödelei!“ „Das haben mir bisher alle alten Pfadfinderführer geantwortet“, bestätigte Hans.Das erste Zeltlager
Im Sommer 1947 ging die Jungenschaft von St. Marien mit Norbert in ein 14tägiges Lager nach Lastrup. Ausgerüstet mit einer Zusatzverpflegung der Militärregierung hofften alle auf eine gute Zeit. Die Verpflegung reichte aber bei weitem nicht aus. So wurden denn kleine Trupps in die Umgebung geschickt, um Brot, Kartoffeln, Milch, Fett, Fleisch usw. zu besorgen. Das Ergebnis war aber immer sehr mager. Die Spender wurden in eine Geländekarte eingetragen, und wenn der Hunger sich allzu sehr bemerkbar machte, wurden diese guten Seelen wieder angesteuert. Selten hörten wir die schönen Worte: „Ihr könnt morgen wiederkommen.“ Da die Gaben so dürftig ausfielen, fingen wir an, uns das Rauhfutter bei Nacht und Nebel zu fringsen. Aber das gefiel uns auf die Dauer auch nicht. Deshalb brachen wir nach 8 Tagen unsere Zelte ab und fuhren mit knurrenden Mägen nach Hause.
Das Lagerleben hatte aber trotzdem viele Jungen begeistert und sie aufgeschlossen für die Pfadfinderei. So begann denn Norbert anschließend offiziell mit der Pfadfinderarbeit.
Es regt sich überall im Land
In der Zeit nach 1945 regten sich natürlich auch in anderen Teilen Deutschlands die alten Pfadfinder. Am Passionssonntag 1946 rief Hans Fischer die alten Führer für den 5./6. Mai zu einem Treffen nach Köln. Bischof Stohr und Prälat Wolker nahmen u. a. daran teil. Viel Misstrauen gegen die Pfadfinder musste hier zerstreut werden, denn mancherorts wurde eine katholische Einheitsjugend ohne Gliederungen erstrebt. Die Entscheidung in Köln war ein einstimmiges Ja zur Gemeinschaft „St. Georg“.
Am 6.11.1945 beschloss die Bischöfliche Kommission in Bonn-Pützchen, daß die „Katholische Jugend“ (später „Bund der Deutschen Katholischen Jugend“, Abkürzung BDKJ. ) verschiedene eigenständige Gliederungen umfassen kann und soll. Auf der Hauptkonferenz in Bad Soden erhielten die Pfadfinder die Erlaubnis, ihre Arbeit im Rahmen der ,,Katholischen Jugend“ wieder aufzunehmen. Auf einer Tagung in Altenberg vom 12.-14. August 1946 wurde die Gemeinschaft „St. Georg“ neu formiert.
Neue Pfadfinderarbeit in Wilhelmshaven
So erstand im Herbst 1947 in St. Marien wieder eine Pfadfindersippe. Traditionsgemäß führte sie den Namen ,,Seeräuber“. Sie bestand aus 12 Jungen. Der Führer der Sippe war Günter Raschke, ab 1984 Egon Raschke. Willi Filzen (genannt Wifi), war unser erster Landesfeldmeister, und wir unterstanden dem Land Osnabrück.Er empfahl als Sippenzeichen für die „Seeräuber“ rotes Wappenschild mit Entermesser. Übrigens war Wifi unser alter Bekannter schon vor 1933. Sein Stamm in Bremen war jahrelang unser einzigster Nachbar. Welche Freude herrschte auf beiden Seiten, wenn wir ihn und seine Jungen alle 2 Jahre zu Ostern besuchten und einmal andere Pfadfinder sahen als nur solche aus dem eigenen Stamm.
Nach 1946 hat er unsere Stammesarbeit eifrig und massiv
unterstützt. Seit dem 25.7.1946 gingen viele Briefe mit Anregungen, Ermunterungen und Informationen hin und her. Ein Heil ihm und seiner verständnisvollen Gattin!
Ein Erlebnis aus dem Zeltlager1948 bei Bad Zwischenahn
Im Sommer 1948 ging Norbert mit 65 Jungen der „Katholischen Jugend“ ins städtische Zeltlager bei Bad Zwischenahn. Die Seeräuber waren dabei. 7 Jungen von 12 waren treu geblieben. Im Lager wurde eifrig die Pfadfinderkünste geübt, u. a. auch mit Karte und Kompass gearbeitet. Die Kirche von Zwischenahn wurde immer wieder angepeilt, es war die Marschzahl 31. Jeder war stolz auf sein Können, das bald unter Beweis gestellt werden sollte.
Am Sonntagmorgen war großes Wecken zum Kirchgang. Dichter Nebel breitete sich über den See und das Lager. Einige starrten betrübt in das Nebelmeer über den See. Da rief plötzlich jemand: „Sieh da, ein Schatten. Ist das nicht ein Boot?“ Und richtig, von müden Ruderschlägen getrieben, näherte sich ein Boot. Eine verzweifelte Stimme fragte: „Wo bin ich bloß?“ „In Rostrup“, wurde ihm geantwortet. „Ach“, sagte der Fischer, „da bin ich ja wieder falsch gefahren. Ich muss nach Zwischenahn. Seit heute früh 2.00 Uhr fahre ich ununterbrochen und komme nicht nach Zwischenahn. Ich weiß nicht mehr was ich machen soll.“ Die Pfadfinder steckten inzwischen die Köpfe zusammen, und dann traten 2 hervor und sagten: „Wir bringen Sie mit Ihrem Boot nach Zwischenahn.“ Der Fischer glaubte nicht recht zu hören, doch die beiden Pfadfinder kamen mit Kompass, stellten ihn auf die Ruderbank, richteten das Boot aus und ruderten in die dunkle Nebelwand hinein. Bald waren sie in der milchigen Brühe verschwunden. Die restlichen Pfadfinder blieben mit klopfendem Herzen am Ufer zurück.Als die
Kirchgänger in Zwischenahn ankamen, erwarteten die kühnen Bootsfahrer sie bereits.
Allen aber fiel ein Stein vom Herzen.
Die Pfadfinderarbeit breitet sich aus. Die Arbeit der Pfadfinder trug inzwischen neue Früchte. Im Herbst 1948 waren bereits 2 Wölflingsrudel (heute Jungpfadfindersippen) im Aufbau. Rudelführer waren Bernd Reher und Helmut Pohlmann. Eines Tages erschien bei Norbert Bernd Richter, ein Jugendführer von St. Willehad und bat ihn, die Führung seiner Gruppe zu übernehmen. Er wollte Theologie studieren und daher Wilhelmshaven verlassen. Die Gruppe umfasste 12 Jungen. Sie wurde der Grundstock für die Pfadfinderei in St. Willehad.
1948 wurde auf Anordnung von Wifi der Gau Waterkant aus der Taufe gehoben. Norbert wurde Gaufeldmeister. Sein Reich erstreckte sich von Emden bis Nordenham und von Wilhelmshaven bis Damme.

